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„Ich fühle mich in Siebenbürgen sehr willkommen“

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Hans Erich Tischler, Konsul, © Vlad Popa- Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (Chefredakteur/ Redaktion Hermannstadt)

Artikel

ADZ-Chefredakteur Vlad Popa führte ein Gespräch mit dem deutschen Konsul Hans E. Tischler über einige Schwerpunkte seiner Tätigkeit.
Das Interview wurde in der ADZ am 18. April 2018 (Teil 1) und am 25.April 2018 (Teil 2) veröffentlicht.

Der Konsul Hans E. Tischler äußerte sich zu einigen Schwerpunkten seiner Tätigkeit.

Von Vlad Popa


Seit August 2017 leitet Hans Erich Tischler das Deutsche Konsulat in Hermannstadt. In Bad Godesberg geboren, beendete er 1982 seine Laufbahnausbildung für den Auswärtigen Dienst und war anschließend bis 1984 im Auswärtigen Amt in Bonn tätig. Seine Diplomatische Laufbahn führte durch Stationen wie die Botschaft Moskau (1984 – 1987), die Botschaft Seoul (1987-1993), die Botschaft Kairo (1993-1994), das Generalkonsulat Saratow/Russland (1994-1997), das Generalkonsulat Neapel (1997-2001), das Auswärtige Amt (2001-2002), das Bundes-Innenministerium (2002-2010), die Botschaft Baku/Aserbaidschan, die Botschaft Pristina (2013-2017). Für die ADZ antwortete er auf einige Fragen von Vlad Popa.

V.P.: In Ihrer bisherigen Laufbahn waren Sie an mehreren interessanten Standorten tätig. Welcher war der bisher interresanteste?

H. Tischler: Auf den verschiedenen Posten in Laufe meiner Karriere bin ich gerne gewesen, da sie mir Einblicke in fremde Kulturen und Lebensweisen ermöglicht haben, die ich als Tourist nie erhalten hätte. Die dort gesammelten Erfahrungen und die Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Glaubensrichtungen haben mich sehr bereichert.

Besonders aufregend empfand ich meine Zeit in Korea. Als ich dorthin versetzt wurde, handelte es sich um ein armes, vom Krieg zerstörtes Land ohne nennenswerte Rohstoffe. Während meines Aufenthalts dort konnte ich mit staunenden Augen mitverfolgen, wie das Land entschlossen zu einer mächtigen Wirtschaftsmacht aufstieg. Es gab einen über alle politischen Grenzen hinweg bestehenden breiten nationalen Konsens, das Land aus seiner Rückständigkeit zu befreien und es nach vorne zu bringen. Das Land sollte nach westlichen Maßstäben aufgebaut werden und es wurde massiv in Infrastruktur und Bildung investiert. Freiheit, Demokratie und Wohlstand waren und sind das erklärte Ziel. Heute gilt Südkorea dank des großen Fleißes seiner Bürger und der langfristig angelegten Wirtschaftspolitik seiner Regierungen als erfolgreicher und besonders fortschrittlicher Industriestaat.

V.P.: Welche Erfahrungen sind in Ihrem diplomatischen Leben besonders wichtig?

H. Tischler: Die Herausforderungen im Leben eines Diplomaten sind vielfältiger Art. Wenn Sie von einem Kontinent auf den anderen umziehen, von heute auf morgen in einer anderen Kultur arbeiten sollen, wenn es gilt, Sprachprobleme zu überwinden, neue Kontakte zu knüpfen, dann lernt man, wie wichtig es ist, sich eine natürliche Neugier, eine Aufgeschlossenheit für Neues zu bewahren. Nur wenn Sie positiv auf andere Menschen zugehen, flexibel auf Veränderungen reagieren und kontinuierlich an sich arbeiten, gelingt es Ihnen, Vertrauen zu schaffen und letztendlich gemeinsam mit Kollegen und Partnern erfolgreich zu agieren. Herausforderungen wird es immer geben, entscheidend ist, wie man damit umgeht und was man daraus macht. Mich solchen Herausforderungen ein Leben lang zu stellen, hat mich stets dazu angespornt, mein Bestes zu geben und macht bis heute den Reiz meiner Arbeit aus.

V.P.: Wie viel wussten Sie über Hermannstadt bevor Sie Ihr Amt angetreten haben?

H. Tischler: Ich bin früher als Kind des Öfteren in Siebenbürgen gewesen um meine Verwandten zu besuchen.In diesem Zusammenhang habe ich natürlich auch Hermannstadt besichtigt, das schon damals eine attraktive und kulturell sehr vielseitige Stadt war.

Meine Verwandten sind in den 70er und 80er Jahren nach Deutschland ausgewandert, so dass ich das letzte Mal wohl 1984 in Rumänien war.

Hermannstadt stand im Lichte der internationalen Öffentlichkeit, als es 2007 Europäische Kulturhauptstadt wurde. Natürlich habe ich mit großem Interesse die Berichte in den Medien über dieses Ereignis verfolgt und freue mich über die vielen positiven Veränderungen, die die Stadt seitdem erfahren hat. Ich denke, dass dieses Ereignis die öffentliche Meinung bis heute positiv beeinflusst und ein großer Katalysator für die weitere Entwicklung Hermannstadts war.

So blicke ich auch gespannt auf das kommende Jahr, wenn der Kreis Hermannstadt Gastronomische Region Europas sein wird und dann erneut im Mittelpunkt des Interesses eines breiten Publikums stehen wird. Hermannstadt wird dann ein weiteres Mal die wunderbare Gelegenheit haben, sich als gastfreundliche und weltoffene Stadt zu präsentieren.

V.P.: Welche neueren Eindrücke haben Sie gesammelt, seitdem Sie vor Ort sind?

H. Tischler: Ich bin begeistert und habe mich vom ersten Tag an hier wohl gefühlt. Die Stadt mit ihrer reizvollen Umgebung ist äußerst charmant, es wurde nicht nur die alte Bausubstanz restauriert, sondern auch in eine zukunftsweisende Infrastruktur investiert. Die E-Busse, die jetzt angeschafft werden, gehören wohl zu den modernsten unseres Kontinents. Zu Recht gehört die Stadt zu den schönsten Europas und wird zu einem immer beliebteren Reiseziel für Touristen aus aller Welt. Die Sprachenvielfalt, die ich auf dem Großen Ring oder in den Restaurants der Stadt erlebe, ist schon sehr beeindruckend. Die Stadt mit ihrer renommierten Universität vermittelt einen sehr lebendigen, aufgeschlossenen Eindruck. Es gibt viele junge Leute, die zu einem dynamischen und optimistischen Lebensgefühl beitragen. Bei einem Bummel durch die Stadt gewinnt man den Eindruck, dass es vorangeht, die Menschen arbeiten an einer besseren Zukunft. Ich denke, zehn Jahre nach dem EU-Beitritt und auch zehn Jahre seit der Europäischen Kulturhauptstadt sehen die Menschen hier die Ergebnisse einer nachhaltigen Stadtentwicklung, sehen, dass es sich lohnt, langfristig zu investieren und Geduld zu haben. Viele Projekte können nicht über Nacht realisiert werden, sondern bedürfen einer intensiven Vorbereitung. Dies ist eine wichtige Erfahrung für alle Bürger der Stadt, denn die Zeit bleibt nicht stehen und die Herausforderungen von morgen sehen anders aus als die von gestern.

V.P.: Wie kann die Zusammenarbeit mit der rumäniendeutschen Gemeinschaft vor Ort fortgesetzt werden?

H. Tischler: Das Konsulat und die Verbände der deutschen Minderheit arbeiten seit jeher eng zusammen und es ist mein ausdrücklicher Wunsch, diese Zusammenarbeit auch in Zukunft so intensiv wie möglich fortzusetzen. Ein zentrales Anliegen meinerseits ist es, dass wir die deutsche Sprache in Siebenbürgen weiterhin fördern, dass wir Fragen des Lehrermangels und des Mangels an modernen Schulbüchern gemeinsam angehen und nach Lösungen suchen.

V.P.: Hatten Sie schon Gespräche mit der Forumsleitung?

H. Tischler: Gleich zu Beginn meines Dienstantritts in Hermannstadt habe ich das Gespräch mit den Vertretern der Foren hier in Hermannstadt gesucht, um mich über deren Arbeit und deren aktuelle Herausforderungen zu informieren. Es ist mir ganz wichtig, dass wir auf allen Gebieten eng zusammenarbeiten, in regem Kontakt stehen und sehen, wie wir die vor uns liegenden Aufgaben bewältigen und Projekte zur Förderung der Minderheit angehen können.

Die deutsche Minderheit hat seit der Besiedlung des Landes vor fast 900 Jahren ein unermesslich reiches materielles und immaterielles kulturelles Erbe hinterlassen. Dazu gehören auch einige Weltkulturerbestätten sowie Schulen, in denen seit Jahrhunderten in Deutsch als Muttersprache unterrichtet wird. Dieses Erbe gilt es zu pflegen und für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Nur gemeinsam können wir solche starken Herausforderungen angehen.

V.P.: Sie hatten erste Gespräche im Forum und beim Deutschen Wirtschaftsklub. Mit welchen Einrichtungen beabsichtigen Sie eine besonders enge Zusammenarbeit?

H. Tischler: Deutschland und Rumänien haben vor mehr als 25 Jahren einen Freundschaftsvertrag geschlossen, der die Grundlage für eine sehr umfassende, solide Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern bildet. Er ist mein Auftrag, die bilateralen Beziehungen auf allen Gebieten zu entwickeln und auszubauen, sei es im Bereich der Wirtschaft, der Kultur, aber auch bei Erziehung und bei der Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit, die eine wichtige Brücke zwischen unseren Ländern bildet. Diesen spannenden Aufgaben stelle ich mich sehr gerne und will mich ihnen mit meiner ganzen Kraft widmen. Das Potential für eine Vertiefung unserer bilateralen Beziehungen ist enorm und bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Ich freue ich mich daher hier in Hermannstadt sehr darauf, zusammen mit unseren Partnern in den verschiedenen Bereichen bei der Erschließung dieses Potentials aktiv mitwirken zu können.

V.P.: Was sind Ihre persönlichen Anliegen für Ihre Tätigkeit in Hermannstadt und der Region?

H. Tischler: Mein großer Wunsch ist es, daß wir den existierenden Freundschaftsvertrag mit Leben füllen. Ich möchte gerne dazu beitragen, dass die Menschen zueinander kommen, sich austauschen, sich persönlich kennenlernen, dass sie über einander nicht nur aus der Zeitung oder den Medien erfahren, sondern dass sich die Bürger unserer beiden Länder begegnen. Ich denke hier etwa an den regelmäßigen Austausch von Schülern oder Studenten, an aktive Städtepartnerschaften oder Kontakte zwischen Firmen und Wirtschaftsvertretern.

Auch möchte ich die Zusammenarbeit mit den Vertretern der lokalen Behörden vertiefen, um zu sehen, wo wir noch intensiver zusammenarbeiten können, etwa bei Fragen des Umweltschutzes, der Energiewende, des Gesundheitswesens. Ich bin fest überzeugt, dass es eine breite Palette von Themen gibt, wo wir auf auch auf lokaler Ebene Fragen der Zukunft gemeinsam erörtern können und wo sich eine enge Zusammenarbeit für alle Seiten lohnt.

V.P.: Sie hatten erste Gespräche mit den politischen Verantwortungsträgern in Hermannstadt. Welchen Eindruck haben diese auf Sie gemacht?

H. Tischler: Um erfolgreich arbeiten zu können, erachte ich einen kontinuierlichen Dialog mit den Vertretern der lokalen Verwaltung für unerlässlich. So habe ich mich gleich nach meiner Ankunft um Termine bei den Behörden vor Ort bemüht. Solche Gespräche dienen nicht nur dem besseren Kennenlernen und dem Austausch von Ideen und Meinungen, sondern helfen auch bei der Erörterung von gemeinsamen Aufgaben. Hier in Hermannstadt bin ich herzlich aufgenommen worden und wir haben gute Gespräche geführt. Diese ersten positiven Eindrücke bilden nun eine gute Grundlage für eine weitere enge Zusammenarbeit in den kommenden Jahren. Inzwischen hat es weitere Treffen gegeben. Für mich bleibt es sehr wichtig, dass wir auch in Zukunft regelmäßig zusammenkommen um über den Ausbau der Beziehungen zu sprechen. Die engen Kontakte, die die Vertreter unserer Länder pflegen, wenn sie sich auf internationalen Konferenzen, auf Gipfeln oder zu Arbeitsessen in Brüssel sehen, sollen auch auf lokaler Ebene möglich sein. Nur durch einen intensiven Dialog lernen wir uns besser kennen und verstehen und können für das Wohl unserer Länder arbeiten.

V.P.: Gibt es bereits Ansätze für eine Zusammenarbeit mit dem Kreisrat oder dem Bürgermeisteramt?

H. Tischler: Die Zusammenarbeit mit den lokalen Stellen war von Anfang an von großem Vertrauen und Wohlwollen dem Konsulat gegenüber geprägt. Da ich erst vor relativ kurzer Zeit nach Hermannstadt gekommen bin, kann ich nur über erste Initiativen im Kultur- und Wirtschaftsbereich sprechen und hoffe, dass wir bald konkrete Ergebnisse sehen. Auch liegt mir die Förderung der dualen Berufsausbildung sehr am Herzen, da alle jungen Menschen Gelegenheit erhalten sollen, sich zu verwirklichen. Sie sollen eine sorgfältige Ausbildung erhalten, damit sie ihr Leben nach ihren Fähigkeiten und Wünschen gestalten können. Ich konnte inzwischen mehrere Berufsschulen im Lande besuchen, darunter auch die Independenta Berufsschule in Hermannstadt, und bin zuversichtlich, dass wir in Zukunft im Bereich der dualen Berufsausbildung eng zusammenarbeiten werden. Auch würde ich gerne im Bereich des Tourismus enger zusammenarbeiten, weil ich meine, dass es hierin Siebenbürgen mit seiner bezaubernden Landschaft und seiner reichen Kultur noch ein großes Potential gibt.

V.P.: Was für ein Bild haben Sie sich inzwischen über Ihren Zuständigkeitsgebiet gemacht?

H. Tischler: Ich habe inzwischen fast alle Kreise in meinem Amtsbezirk bereist und bin dort überall freundlich und mit offenen Armenempfangen worden. Ich fühle mich hier in Siebenbürgen sehr willkommen und habe bereits gute Kontakte geknüpft. Zwei weitere Kreise werde ich in Kürze besuchen, so dass ich dann persönliche Kontakte zu allen Vertretern der lokalen Verwaltungen haben werde. Ich freue mich, wenn die besuchten Lokalpolitiker oder andere Ansprechpartner mir ein Feedback geben, mich zu konkreten Vorhaben anschreiben oder um weitere Gesprächstermine bitten.

Das ist die Form von Zusammenarbeit, die ich mir wünsche.

V.P.: Welche Ereignisse ihrer bisherigen, rund siebenmonatigen Tätigkeit sind besonders hervorzuheben?

H. Tischler: Die Aufgaben, die sich aus meinem Mandat ergeben, sind spannend und mein Team und ich freuen uns darauf, in den kommenden Monaten und Jahren an der Vertiefung unserer bilateralen Beziehungen arbeiten zu können. Den Menschen im meinem Amtsbezirk möchte ich ein umfassendes und korrektes Deutschlandbild vermitteln und daher bin ich der ADZ dankbar, dass Sie mir im Rahmen dieses Interviews Gelegenheit geben, über meine Arbeit zu berichten. Das Konsulat soll auch in Zukunft eine Stätte der Begegnung zwischen unseren Bürgern sein, wo wir uns austauschen und kennenlernen können. Besonders gerne habe ich in den vergangenen Wochen die Schulen und Hochschulen im Lande besucht, wo ich mit vielen jungen Menschen über unsere Vergangenheit und unsere Zukunft in einem gemeinsamen europäischen Haus diskutieren konnte. Dabei habe ich viel über deren Vorstellungen und Wünsche gelernt und zahlreiche neue Eindrücke gewonnen, die für meine Tätigkeit hier von großer Bedeutung sind. Auch konnte ich im Rahmen eines Schreibwettbewerbs, den das Konsulat zusammen mit der Hermannstädter Zeitung vor kurzem ausgeschrieben hat, viel über den Schulalltag und die Erwartungen von Gymnasiasten erfahren. Diese jungen Menschen werden bald Verantwortung übernehmen und daher ist es gut, wenn wir sie darauf vorbereiten und uns mit deren Themen und Fragen auseinandersetzen.

V.P.: Welchen Eindruck macht auf Sie die aktuelle politische Lage in Rumänien?

H. Tischler: Nach dem EU-Beitritt ist es Rumänien in beeindruckender Weise gelungen, hochkarätige Investoren ins Land zu holen. Die deutsche Industrie hat in den letzten Jahren mehrere hunderttausende direkte und indirekte Arbeitsplätze, darunter auch viele sehr hochqualifizierte, moderne Arbeitsplätze im Bereich von Forschung und Entwicklung geschaffen. Die deutsche Wirtschaft hat dabei stark in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter sowie in die lokale Infrastruktur investiert und trägt durch ihre Steuern erheblich zum wachsenden Wohlstand im Lande bei. Voraussetzungen hierfür waren und sind die guten Rahmenbedingungen, mit denen Rumänien lockt. Ich wünsche mir, dass dies so bleibt und die Dynamik in diesem Bereich weiter anhält. Rumänien steht wie Deutschland im internationalen Wettbewerb um Investoren. Anleger prüfen sehr sorgfältig, wo und wie sie investieren. Dabei spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle, wie etwa die Steuergesetzgebung, politische Vorhersehbarkeit und Berechenbarkeit, Dialogbereitschaft der lokalen Verwaltung oder eine unabhängige, effiziente Justiz und natürlich eine leistungsfähige Infrastruktur. Diesen Herausforderungen müssen wir uns alle stellen, wenn wir in Europa weiterhin qualifizierte Arbeitsplätze schaffen und erhalten wollen. In Zukunft wird dieser Wettbewerb wohl eher noch zunehmen und wir sollten uns darauf einstellen. Rumänien wird im kommenden Jahr die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen und dann die großartige Gelegenheit haben, auf die Vorzüge des Landes als innovativen Wirtschaftsstandort und als faszinierendes Urlaubsland hinzuweisen. Zudem ist geplant, einen informellen Gipfel der EU Staats- und Regierungschefs in Hermannstadt abzuhalten. Dies wird sicherlich den positiven Entwicklungen im Bereich des Tourismus weiteren Auftrieb verleihen.

V.P.: Welchen Einfluss denken Sie, wird die aktuelle politische Lage auf das Jahr 2019 und die EU-Ratspräsidentschaft Rumäniens haben, unter den Umständen, dass ein guter Teil der Bevölkerung mit der Regierung unzufrieden ist?

H. Tischler: Wir alle in Europa wünschen uns mündige Bürger, die das Zeitgeschehen aufmerksam und mit kritischem Blick verfolgen. Politiker, die in ein Amt gewählt werden, erhalten keinen Blankoscheck, sondern bleiben während ihres Mandats dem Gemeinwohl und den Interessen ihrer Wähler verpflichtet. Eine lebendige Demokratie zeichnet sich durch einen offenen Dialog aus, in den sich alle gesellschaftlichen Kräfte und Gruppierungen einbringen können. Ein solcher Dialog, der nicht notwendigerweise ausschließlich im Parlament stattfinden muss, soll zu einem gerechten Ausgleich aller Interessen in einer pluralistischen Gesellschaft beitragen. Wenn Menschen auf die Straße gehen und friedlich demonstrieren, um ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dann ist dies Ausdruck einer reifen Demokratie und verdient unser aller Unterstützung.

Die EU durchlebt momentan eine schwierige Phase. Es gilt unter anderem dem Populismus entschieden entgegen zu treten und die Brexit-Verhandlungen zu einem guten Abschluss zu bringen. Rumänien kann sich im kommenden Jahr hier substantiell einbringen, seinen europafreundlichen Kurs manifestieren und wichtige Reformvorhaben angehen. Insbesondere erscheint mir wichtig, den Zusammenhalt in Europa zu stärken und den Bürgern Europa mit seinen Werten näher zu bringen. Wir brauchen mehr Europa nach außen und mehr Integrität nach innen und müssen es entsprechend weiter gestalten. Hier kann Rumänien einen wichtigen Beitrag leisten.

V.P.: Die Regierung hat wesentliche Teile der Gesetzgebung im Finanzwesen quasi über Nacht geändert. Welchen Einfluss hat das auf die deutschen Investoren im Land? Welchen Einfluss hat das auf die zukünftigen Investitionsvorhaben?

H. Tischler: Deutsche Investoren sind langfristig orientiert und stehen zu Rumänien, sobald sie sich für eine Investition in diesem Land entschieden haben. Alle Entscheidungen, die möglicherweise Einfluss auf das Investitionsverhalten von Firmen haben könnten, sollten daher mit deren Interessenvertretung, etwa den Handelskammern erörtert und sorgfältig abgewogen werden. Investoren brauchen Perspektiven und feste Rahmenbedingungen für ein gutes Geschäftsklima. Die Rahmenbedingungen für einen Investitionsstandort können zwar nur durch die Politik festgelegt werden, die Interessen der Anleger sollten aber gleichwohl stets bei einer Änderung oder Einführung von Vorschriften mit einbezogen werden.

V.P.: Welche Bedingungen könnten weiter ausgebaut oder noch geschaffen werden um der deutsche Unternehmerschaft die Entscheidung zu erleichtern, in Rumänien zu investieren?

H. Tischler: Rumänien hat in den letzten Jahren von einem sehr positiven Investitionsklima profitiert. Allerdings berichten alle meine Ansprechpartner in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung vom großen Arbeitskräftemangel in weiten Teilen des Landes. Auch bleibt die Abwanderung von qualifizierten Kräften ins Ausland eine große Herausforderung. Hier gilt es nach geeigneten Lösungen zu suchen.

Zur Qualifizierung von Arbeitskräften kann die duale Berufsausbildung einen entscheidenden Beitrag leisten. Allerdings kann die Industrie die duale Ausbildung nicht alleine einführen. Vielmehr sind alle Partner, auch in Politik und lokaler Verwaltung aufgerufen, jungen Menschen, die sich nicht für ein Hochschulstudium entscheiden, sondern einen handwerklichen Beruf, etwa den eines Mechanikers oder eines Elektrikers erlernen wollen, die richtigen Voraussetzungen hierfür zu schaffen. Am Ende geht es darum, dass in einer Gesellschaft jeder an seinem Platz gebraucht wird und er sich und seine Familie durch qualifizierte Arbeit ernähren kann.

V.P.: Inzwischen ist nun der dritte rumänische Premierminister im Amt. Welchen Eindruck macht das in der Außenpolitik?

H. Tischler: Kontinuität und Vorhersehbarkeit sind wichtige Kriterien für eine erfolgreiche Politik. Deutschland gilt auch deshalb als zuverlässiger Partner auf der internationalen Bühne, weil Vorhersehbarkeit und Planbarkeit zu den festen Parametern der deutschen Außenpolitik gehören.

V.P.: Was halten Sie davon, dass nachweislich korrupte Politiker der Regierung oder solche, gegen die ermittelt wird, weiter im Amt bleiben?

H. Tischler: Die EU ist auch eine Gemeinschaft von unverrückbaren Werten, die alle Mitgliedstaaten gleichermaßen teilen. Dazu gehört insbesondere auch der entschiedene Kampf gegen Korruption. Korruption ist nicht förderlich für die EU-Integration. Betroffen sind von ihr alle: Korruption schädigt die Haushalte der staatlichen Einrichtungen, reduziert das Wirtschaftswachstum eines Landes und untergräbt das Vertrauen der Bürger in Justiz und öffentliche Verwaltung. Es ist nirgendwo akzeptabel, wenn sich Inhaber von öffentlichen Ämtern auf Kosten der Gemeinschaft bereichern oder sich Vorteile verschaffen. Am Ende zahlen alle Bürger für das korrupte Verhalten einiger weniger, indem sie höhere Steuern entrichten oder schlechtere staatliche Leistungen in Kauf nehmen müssen. Rumänien unterliegt seit seinem Beitritt zur EU dem Kooperations- und Überprüfungsmechanismus (CVM). Fortschritte im Kampf gegen Korruption müssen nun unbedingt weiter entschlossen fortgeführt und vertieft werden. Gerade angesichts der Tatsache, dass Rumänien in einigen Monaten die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, kommt der Frage der Korruptionsbekämpfung eine große Bedeutung zu und es sollten die richtigen Signale gesetzt werden.

V.P.: Erachten Sie die anhaltenden Proteste für begründet?

H. Tischler: Zu den wesentlichen Elementen unseres Gemeinwesens gehört das Recht auf freie Meinungsäußerung. Für dieses Grundrecht haben Generationen vor uns in Revolutionen und Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und den Vertretern der Staatsgewalt gekämpft und viele haben ihr Leben gelassen. Auch in Rumänien mussten sich die Bürger erst dieses Recht erkämpfen. Selbst heute gibt es noch in Europa Länder, wo Bürger ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nicht ausüben können. Dass sich Bürger nicht nur im Zusammenhang mit Wahlen für das Gemeinwohl und politische Themen interessieren, sondern auch während der Legislaturperiode ihre Ansichten und Überzeugungen äußern, spricht für gelebte Demokratie und zeigt, wie wichtig ein permanenter, offener Dialog zwischen Politikern und Bürgern ist. Es sollte uns allen daran gelegen sein, Demokratie zu leben und so zu einem florierenden Gemeinwesen beizutragen. In einer pluralistischen Gesellschaft, wie der unsrigen, sollte jeder, auch als Angehöriger einer Minderheit, seinen Platz finden und die Möglichkeit haben, sich frei zu entfalten und zu äußern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview - Teil 1 - ADZ 18.04.2018

http://www.adz.ro/artikel/artikel/ich-fuehle-mich-in-siebenbuergen-sehr-willkommen/

Interview - Teil 2 - ADZ 25.04.2018

http://www.adz.ro/artikel/artikel/ich-fuehle-mich-in-siebenbuergen-sehr-willkommen-1/

Weitere Informationen

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Hans Erich Tischler, Konsul© Vlad Popa- Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (Chefredakteur/ Redaktion Hermannstadt)

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